Ich wurde zu einer Zeit geboren, die mit 2014 nicht mal ansatzweise zu vergleichen ist. In einer Zeit, zu der meine Mutter abends noch im Kerzenlicht Bücher gelesen hat, bis mein Bruder und ich eingeschlafen waren. Um das mal ins Licht zu stellen, zu dieser Zeit war es nicht mal normal, dass Menschen lesen konnten. Meine Mutter war einfach nur ziemlich intelligent und neugierig. Vom Wesen her komme ich genau nach ihr, während mein Bruder von sämtlichen Ansichten aus komplett nach unserem Vater kam. Ich erinnere mich nicht gut an meinen Vater. Er starb, als ich gerade 11 Jahre alt geworden war, an einer lausigen Grippe, die man zur heutigen Zeit mit ein paar Pillen und ausreichend Schlaf hätte auskurieren können. Aber solche Dinge gab es 757 n. Chr. leider noch nicht. Nein, auch nicht den Schlaf. Wir haben auf einem großen Bauernhof gelebt, der all unsere Kraft in Anspruch genommen hat. Und somit auch die Kraft meines Vaters, der erst aufgehört hat, zu arbeiten, als er schon die Temperatur des Kupferkessels angenommen hatte, der den ganzen Tag über unserer Feuerstelle hing.
Doch auch, wenn ich mich nicht mehr sonderlich gut an ihn erinnere, weiß ich noch, dass mein Bruder immer den selben forschenden Blick im Gesicht hatte, den unser Vater uns von Tag zu Tag preisgegeben hatte.
Nach dem Tod meines Vaters musste der Rest meiner Familie die Farm aufgeben. Meine Mutter und ich waren den harten Alltag auf dem Land zwar gewohnt, doch für eine Frau mittleren alters und zwei pubertäre Teenager war das einfach etwas zu viel. Wir sind also umgezogen. Ich kann mich noch heute bildhaft an die drei Tage und vier Nächte erinnern, die wir gebraucht haben, um zu unserem neuen Heim zu gelangen. Ich war zu zweit mit meinem Bruder auf dem einzigen Pferd geritten, was uns geblieben war, während meine Mutter neben uns hergelaufen war und sich geweigert hatte, auch nur für zwei Minuten den Komfort des Reittieres in Anspruch zu nehmen. Wir hatten nur zum Schlafen Pause gemacht. Essen und Trinken, was sowieso nicht ausreichend vorhanden war, gab es im Stehen, bzw. Reiten, wenn es hochkam, alle 20 Stunden. Doch die Reise hatte sich gelohnt. Als wir ankamen, wurden wir von einem kleinen, aber wunderschönen Holzhaus begrüßt, von einem verwucherten Garten und einer Scheune mit einer einzigen Pferdebox. Wenn ich heute daran zurückdenke, gibt es keinen Ort, den ich lieber noch einmal sehen würde. Dieses winzige Haus enthielt Erinnerungen, die für immer unvergessen bleiben werden.
Der Frieden hielt nicht lange an. Nachdem wir sechs Jahre lang dort gelebt hatten, verschwand meine Mutter spurlos. In der Stadt, in der ich lebte, ging zu dieser Zeit die Geschichte von blutsaugenden, untoten Wesen herum. Ich bin mir sicher, ihr könnt euch vorstellen, dass mein Bruder und ich keinen Funken Schlaf mehr abbekommen hatten. Es schienen Wochen und Monate zu vergehen, in denen wir zu Zweit durch sämtliche Wälder in der Umgebung gestreift waren, ob Tag oder Nacht war dabei ziemlich egal. Irgendwann hatten wir unser kleines Haus schon seit einem Jahr nicht mehr betreten. Sinnlos, ohne Mutter und Vater. Wir waren besser darin, uns unsere Mahlzeiten selbst zu jagen, als einen Haushalt aufrecht zu erhalten, der sowieso komplett zerstört war. Wir brachten es nicht übers Herz, nach hause zurückzukehren, bevor wir Mutter gefunden hatten.
Und wir fanden sie. Jedoch nicht so, wie wir es uns erhofft hatten.
Auch an diesen Anblick erinnere ich mich, leider gottes, bildlich. Es war der Moment, in dem mein Bruder und ich wussten, dass die Geschichten über die Blutsauger nicht nur Geschichten waren. Sie waren die eiskalte, bittere Realität. Und unsere Mutter war den kalten Wesen zum Opfer gefallen.

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