Mittwoch, 12. Oktober 2016

Kapitel 1-3

Sie war tot. Ausgesaugt, komplett blutleer. Und doch lebendig. Lebendiger, als je zuvor. Ihre Augen waren wie das unverblümte Tor zu einem komplett zerrütteten Inneren. Wie sie mich ansah, wie sie meinen Bruder quasi mit ihren rot glühenden Blicken auffraß. Es war der reinste Horror. Nicht nur, dass unsere Mutter eine von ihnen geworden war, nein, viel mehr die Tatsache, dass sie uns nicht mehr zu erkennen schien. Sie war zu etwas anderem geworden. Zu jemand anderem. Einem Monster der Extraklasse.
Tae-jung und mir blieb nichts anderes übrig, als zu flüchten. So lächerlich und armselig der Versuch, vor einem Vampir zu flüchten, auch war, wir gaben unser bestes, um so schnell, wie möglich von diesem Ort zu verschwinden und uns so versteckt zu halten, dass uns niemals irgendjemand finden würde. Und doch fand sie uns. Immer und immer wieder. Es war uns nicht möglich, länger als einen Tag an ein und demselben Ort zu bleiben, ohne, dass sie am Ende des Tages hinter irgendeiner Ecke lauerte und uns beobachtete. Zur heutigen Zeit hätte man das ganz unverfroren 'Stalking' genannt. Und das von unserer eigenen Mutter.
Ich weiß noch, wie die Zeit für meinen Bruder und mich damals verstrich, als würde jemand unser gesamtes Leben vorspulen. Tage fühlten sich an, wie Sekunden, während wir auf der Flucht waren. Ich erinnere mich an das Bild der an mir vorbeiziehenden Wälder und Dörfer besser, als an mein gestriges Frühstück. Wie auch immer, drei weitere Jahre vergingen schneller, als wir uns umschauen konnten. Ich war mittlerweile 21 Jahre alt und folgte meinem Bruder noch immer auf Schritt und Tritt. Für mich war er damals alles, was noch zählte. Auch, wenn er älter war, als ich, ich hätte ihn zur Not wahrscheinlich auch mit meinem Leben verteidigt. Und der Tag, an dem ich das tun musste, kam.
Wir waren auf der Jagd. Mit selbstgebauten Pfeilen und Bögen, mitten im Wald, ohne irgendeine Ahnung, wo wir überhaupt waren. Wir hatten schon lange aufgehört, uns darüber Gedanken zu machen. Lebten mit der Einstellung, dass es besser war, nicht zu wissen, wo wir waren, in der Hoffnung, sie würde es so ebenfalls schwerer haben, uns zu finden. Für einen Moment glaubten wir sogar, dass es funktionierte. Wir hatten sie mittlerweile seit drei Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Doch das änderte sich, von einer Sekunde auf die andere. Weil wir für diese zwei Sekunden unaufmerksam gewesen waren. Ich hatte mich darauf konzentriert, das Reh zu treffen, das wir zum Abendessen ausgesucht hatten. Ohne zu merken, was sich hinter meinem Rücken für ein Horrorszenario abspielte. Ich hasse mich noch immer dafür, dass ich mein Misstrauen für diesen Moment abgelegt hatte. Ich schoss den Pfeil, der direkt ins Herz des Wildtieres traf, drehte mich um, freudestrahlend über meinen Jagderfolg, und brach zusammen. Den Schmerz in meinem eigenen Nacken bemerkte ich erst gar nicht. Alles, was ich sah, war der leblose, ausgetrocknete, blutüberströmte Körper meines Bruders. Ich ging in die Knie. Nicht in der Lage, irgendetwas zu tun, außer zu schreien. Es gab nichts, was ich hätte machen können. Nichts, wie ich ihm auf irgendeine Art und Weise hätte helfen können. Er war sofort tot. Und ich... nun ja. Ich erinnere mich nicht an vieles. Aber es gab verdammt viel Blut, Sex, Metzeleien und Selbstmordversuche, die jedoch durch das selten dämliche Vampir-Ding nicht so funktionieren wollten, wie ich mir das vorgestellt hatte.