Montag, 14. März 2016

Kapitel 1-2

Ich wurde zu einer Zeit geboren, die mit 2014 nicht mal ansatzweise zu vergleichen ist. In einer Zeit, zu der meine Mutter abends noch im Kerzenlicht Bücher gelesen hat, bis mein Bruder und ich eingeschlafen waren. Um das mal ins Licht zu stellen, zu dieser Zeit war es nicht mal normal, dass Menschen lesen konnten. Meine Mutter war einfach nur ziemlich intelligent und neugierig. Vom Wesen her komme ich genau nach ihr, während mein Bruder von sämtlichen Ansichten aus komplett nach unserem Vater kam. Ich erinnere mich nicht gut an meinen Vater. Er starb, als ich gerade 11 Jahre alt geworden war, an einer lausigen Grippe, die man zur heutigen Zeit mit ein paar Pillen und ausreichend Schlaf hätte auskurieren können. Aber solche Dinge gab es 757 n. Chr. leider noch nicht. Nein, auch nicht den Schlaf. Wir haben auf einem großen Bauernhof gelebt, der all unsere Kraft in Anspruch genommen hat. Und somit auch die Kraft meines Vaters, der erst aufgehört hat, zu arbeiten, als er schon die Temperatur des Kupferkessels angenommen hatte, der den ganzen Tag über unserer Feuerstelle hing.
Doch auch, wenn ich mich nicht mehr sonderlich gut an ihn erinnere, weiß ich noch, dass mein Bruder immer den selben forschenden Blick im Gesicht hatte, den unser Vater uns von Tag zu Tag preisgegeben hatte.
Nach dem Tod meines Vaters musste der Rest meiner Familie die Farm aufgeben. Meine Mutter und ich waren den harten Alltag auf dem Land zwar gewohnt, doch für eine Frau mittleren alters und zwei pubertäre Teenager war das einfach etwas zu viel. Wir sind also umgezogen. Ich kann mich noch heute bildhaft an die drei Tage und vier Nächte erinnern, die wir gebraucht haben, um zu unserem neuen Heim zu gelangen. Ich war zu zweit mit meinem Bruder auf dem einzigen Pferd geritten, was uns geblieben war, während meine Mutter neben uns hergelaufen war und sich geweigert hatte, auch nur für zwei Minuten den Komfort des Reittieres in Anspruch zu nehmen. Wir hatten nur zum Schlafen Pause gemacht. Essen und Trinken, was sowieso nicht ausreichend vorhanden war, gab es im Stehen, bzw. Reiten, wenn es hochkam, alle 20 Stunden. Doch die Reise hatte sich gelohnt. Als wir ankamen, wurden wir von einem kleinen, aber wunderschönen Holzhaus begrüßt, von einem verwucherten Garten und einer Scheune mit einer einzigen Pferdebox. Wenn ich heute daran zurückdenke, gibt es keinen Ort, den ich lieber noch einmal sehen würde. Dieses winzige Haus enthielt Erinnerungen, die für immer unvergessen bleiben werden.
Der Frieden hielt nicht lange an. Nachdem wir sechs Jahre lang dort gelebt hatten, verschwand meine Mutter spurlos. In der Stadt, in der ich lebte, ging zu dieser Zeit die Geschichte von blutsaugenden, untoten Wesen herum. Ich bin mir sicher, ihr könnt euch vorstellen, dass mein Bruder und ich keinen Funken Schlaf mehr abbekommen hatten. Es schienen Wochen und Monate zu vergehen, in denen wir zu Zweit durch sämtliche Wälder in der Umgebung gestreift waren, ob Tag oder Nacht war dabei ziemlich egal. Irgendwann hatten wir unser kleines Haus schon seit einem Jahr nicht mehr betreten. Sinnlos, ohne Mutter und Vater. Wir waren besser darin, uns unsere Mahlzeiten selbst zu jagen, als einen Haushalt aufrecht zu erhalten, der sowieso komplett zerstört war. Wir brachten es nicht übers Herz, nach hause zurückzukehren, bevor wir Mutter gefunden hatten.
Und wir fanden sie. Jedoch nicht so, wie wir es uns erhofft hatten.
Auch an diesen Anblick erinnere ich mich, leider gottes, bildlich. Es war der Moment, in dem mein Bruder und ich wussten, dass die Geschichten über die Blutsauger nicht nur Geschichten waren. Sie waren die eiskalte, bittere Realität. Und unsere Mutter war den kalten Wesen zum Opfer gefallen.

Kapitel 1-1

Seoul, Südkorea. Zehn Millionen Einwohner. Eine Stadt, die fast genauso wenig schläft, wie New York. Und mittendrin bin ich, Yoo Ji-Min, eine Vampiresse der ersten Generation. Eine Urvampirin. Wie auch immer man mich nennen möchte, ich bin jedenfalls nicht ganz normal. Ich neige dazu, mich in Worten auszudrücken, die Menschen aus diesem Jahrhundert nicht mal kennen würden. Was zum Großteil wohl daran liegt, dass ich nicht in diesem Jahrhundert geboren wurde. Oder in dem davor...Aber egal, ich schweife ab. Zu allem Überfluss habe ich einen kleinen Hang zum Drama. Ich bin hoffnungslos romantisch, zum Leidwesen meiner Mitmenschen, und weigere mich in jeglicher Form, mich zu verhalten, als wäre ich auch nur ansatzweise wie sie. Wieso auch? Ich habe Kräfte in mir, von denen sie nur träumen könnten. Kräfte, die es mir beispielsweise ermöglichen, an Hauswänden hochzuklettern, ohne Sicherung oder sonstiges unnötiges Zeug.
Und achja. Ich ernähre mich von Menschenblut.
Versteht mich nicht falsch. Ich hasse mich dafür. Ich kann es nicht mit mir selbst vereinbaren. Und doch muss ich es tun, um zu überleben. Hm? Ihr fragt euch, wieso ich mit 1268 Jahren immer noch alles tue, um zu überleben? Das ist ganz einfach. Es gibt Personen in meinem Leben, die ich nicht zurücklassen kann. Für die ich alles tun würde, egal, welchen Preis ich dafür in Kauf nehmen müsste. Und eine dieser Personen ist Kweon Young-Su. Mein Gefährte.
Es gibt niemanden, der schon so lange an meiner Seite ist, wie Yosu. Auch, wenn ich mich manchmal frage, wieso ich ihm nicht schon längst einen gezielten rechten Haken verpasst habe. Er ist stur, eingebildet, aggressiv und so ziemlich die größte Diva, die ich kenne. Und von Zeit zu Zeit habe ich wirklich das Bedürfnis, ihm den Hals umzudrehen. Doch manchmal hat dieser Kerl so seine Momente, in denen ich ihn von vorne und hinten bespringen könnte. Wenn er mich ansieht, als gäbe es nur mich auf dieser Welt. Wenn er von der Arbeit nach hause kommt und ins Bett fällt, weil er mal wieder zwei Tage in Folge die Nachtschicht übernehmen durfte. Weil er dann friedlich wirkt. Fast unschuldig und als gäbe es nichts, was wichtiger wäre, als sich für eine Weile auszuruhen, mich in seine Arme zu ziehen und seinen Gedanken nachzugehen. Die Ruhe zu genießen. Es ist unheimlich. Aber ich bin verrückt nach ihm. Noch immer, nach über 400 Jahren, die wir nun schon Seite an Seite leben.
Aber in meinem Leben gibt es nicht nur Yosu. Lasst mich von vorne beginnen. Ich möchte euch die Geschichte erzählen, wie ich die Menschen in meinem Leben kennen gelernt habe. Denn auf seltsame Art und Weise sind wir alle miteinander verknüpft.