Freitag, 20. Januar 2017

Kapitel 1-4

Es gab einen Tag zu meiner... nennen wir es Selbstfindungsphase, der mir als einschneidendes Erlebnis im Gedächtnis geblieben ist. Der Tag, an dem ich Ruhe fand.
Ich lebte bereits seit mehreren hundert Jahren als Vampir. Ich war stärker geworden, schneller und sehr viel schöner. Aber meine Haut und mit ihr mein Herz waren zu Eis gefroren. Ich fühlte mich taub und ich verlernte es allmählich, Gefühle zu empfinden. Es gab in meinem sogenannten Leben nichts mehr, was mich auf irgendeine Weise an diese Welt festband, nur noch mich und einiges an Einsamkeit.
Nunja... Lasst mich erzählen, wie ich das letzte Mal versucht habe, mich umzubringen.
Es war das Jahr 1240, wenn ich mich recht entsinne, als ich eine Freundin bat, mir bei meiner Erlösung zu helfen. Ich kannte Su-Min schon eine ganze Weile. Gemeinsam hatten wir die alten Kneipen und die Städte unsicher gemacht, wenn wir wieder dem Blutdurst verfallen waren. Aber all das war schon einige Jahre her. Um sie zu finden, kehrte ich zu dem Ort zurück, wo ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. Und sie war tatsächlich noch dort. Wurde als eine Art Göttin verehrt durch ihre ewig währende Jugend und Schönheit. Als sie mich sah, fingen ihre Augen an, zu leuchten, als hätte sie einen Schatz gefunden. In dieser Situation konnte ich das nicht wirklich nachvollziehen, sie würde mich eh bald verlieren. Aber das wusste sie ja noch nicht. Ich holte sie mir zur Seite und aus ihrer anfänglichen Begeisterung wurde Schmerz, der sich in ihren Augen wiederspiegelte. Ich sah den Schmerz, aber konnte ihn nicht nachempfinden. Aus dem Gespräch wurde eine lange Diskussion, in der ich ihr immer wieder erklärte, warum ich das ganze endlich beenden wollte und letztendlich konnte ich sie mit einem gekonnt aufgesetzten Lächeln und dem Satz "Ich lebe schon viel zu lange", endlich davon überzeugen, mir zu helfen. Auch, wenn es ihr widerstrebte. Ich wusste es, aber ich wollte unbedingt sie als meine Unterstützung. Ich war wohl immer noch zu feige, um komplett allein zu sterben.
Gemeinsam machten wir uns also auf den Weg. Wir mussten weit reisen. Denn Vampire sind nun mal nicht unbedingt leicht zu töten. Und ihr erinnert euch sicherlich auch an meinen Hang zum Drama. Ich wollte nicht einfach irgendwie sterben. Ich wollte wunderschön sterben. In einem Sarg aus den besten Materialien. Und mit dem einzigen Holz, womit man einen Vampir für immer außer Gefecht setzen konnte, wenn der Pfahl stecken blieb.
Unsere Reise führte uns zuerst ins alte Indien, wo der Baum wuchs, aus dessen Holz mein Pfahl bestehen sollte. Doch schon am Hafen, den wir zu Fuß erreicht hatten und wo uns ein Schiff nach Indien bringen sollte, wurden wir aufgehalten. Denn in meinem Kopf fingen an, sich Bilder zu zeigen. Bilder von einer grauenhaften, blutigen Schlacht. Und das Bild meiner Mutter. Blutüberströmt und komplett leblos. Ich sank auf die Knie und blendete alles um mich herum aus. Sie war tot. Und ich wurde zum Urvampir. Ich wusste, dass dieser Tag irgendwann hätte kommen müssen, aber ich war nicht darauf vorbereitet gewesen. Ich hatte einen Großteil meines menschlichen Lebens vergessen. Und genau in diesem Moment fiel es mir wieder ein.

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